Kaufman, Amie, Kristoff, Jay – Aurora entflammt [Rezension]

Buchdetails

Ersterscheinung: 26.01.2022 | Verlag: Fischer Sauerländer | Genre: Science Fiction | Seiten: 528 | Einband: Taschenbuch | Preis: 15,00 € | Reihe: Aurora erwacht, Aurora erleuchtet |

Inhalt

„Wir alle sind Sklaven der Anziehungskraft.
Wir alle werden von ihr angezogen.
Zurück zu dem Ort, wo alles begann, und zu dem Ort, wo alles enden wird.“

Amie Kaufman & Jay Kristoff

Nach den Ereignissen auf Octavia III ist dem Squad 312 bewusst, dass das Schicksal der ganzen Galaxie auf seinen Schultern lastet. Allein Aurora, das Mädchen aus einer anderen Zeit, trägt den Schlüssel zur Bekämpfung des Ra’haam in sich.  

Meine Meinung

Auch dieses Mal konnte mich der Schreibstil von Kristoff und Kaufman wieder auf Anhieb mitreißen. Nervenaufreibende Action durchsetzt mit dunklem Humor in den unpassendsten Situationen – Wenn ihr mich fragt, genau die richtige Mischung!

Im Vergleich zu Band 1 hat „Aurora entflammt“ immer noch viele witzige Momente, die Grundstimmung ist aber deutlich ernster. Auf ihrer Flucht vor so gut wie jedem wird die Jagd nach Hinweisen zu einem actiongeladenen Abenteuer. Dabei entschlüsseln die Squad-Mitglieder auch nach und nach die Vergangenheit, auch wenn die Action immer noch zulasten des Worldbildungs im Fokus steht. Nichtsdestotrotz kann der Folgeband damit punkten, dass er wesentlich mehr überraschende Twists liefert. Na gut, es geht weiter mit absehbaren Verwandtschaftsenthüllungen, aber das ist seit Star Wars ja irgendwie schon ein Merkmal grandioser SiFi, oder? 

Die größte Stärke der Reihe ist für mich aber weiterhin die verrückte Zusammensetzung des Squad und sein Zusammenhalt. Hatte ich in Band 1 noch bestimmte Perspektiven klar präferiert, habe ich mich in diesem Band über jeden einzelnen gefreut. Alle Handlungsstränge und Charakterzüge sind für sich überzeugend. Finian war zwar schon immer mein Liebling, kann aber nochmal deutlich Punkten als es ihm gelingt, seinen arschigen Panzer hinter sich zu lassen. Endlich bekommt man mehr Einblicke in Zilas Innerstes und mit Saedii stößt ein neuer, interessanter Charakter dazu, der die Grenzen zwischen richtig und falsch weiter verschwimmen lässt. Aurora und Kal bekommen die Zeit zu zweit, die mir in Band 1 noch gefehlt hat. Die schönen Momente, die die beiden teilen, konnte mich aber leider nicht darüber hinwegsehen lassen, welche problematische Rolle Kal in der Beziehung einnimmt. Auroras Entscheidungen waren zwar weiterhin nachvollziehbar, aber leider häufig enttäuschend. Ich hoffe, in dieser Hinsicht kann der Abschlussband noch einmal nachlegen. 

Trotz aller Kritik muss ich aber sagen, dass ich das Abenteuer von der ersten bis zur letzten Seite geliebt habe. Noch gebe ich meine Hoffnung in Squad 312 nicht auf, denn „not all endings are endings“ oder? Ich bin gespannt, wie sie ihres im letzten Band umschreiben werden. 

4/5

Tramountani, Nena – Fly & Forget [Rezension]

Rezensionsexemplar

Buchdetails:

Erscheinungsdatum: 22.03.2021| Verlag: Penguin | Genre: New Adult | Seiten: 448 | Einband: Taschenbuch | Preis: 12,00 € | Weitere Bände der Soho-Love Reihe: Try & Trust (2) , Play & Pretend (3) |

Inhalt:

„Wie sollte ich ihm je erklären, dass es mir nicht reichte? Dass es mir wehtat, wenn er so etwas sagte, aber es nicht so meinte, wie ich es mir wünschte?“

Nena Tramountani

Journalismus-Studentin Liv steht vor den Scherben ihrer Beziehung und kann dem Schicksal nicht genug danken, als sie im teuren London überraschend eine WG findet. Doch dann begegnet sie dem einzigen männlichen Mitbewohner und ihr Herz setzt einen Schlag aus: Noah ist kein Fremder, sondern ihr ehemaliger bester Freund. Der sie im Stich ließ, als sie ihn am dringendsten brauchte. Und den sie nach drei Jahren Funkstille kaum wiedererkennt. Aus ihrem Seelenverwandten ist ein unverschämt attraktiver Aufreißer geworden. Als Liv die Chance bekommt, sich für all den Schmerz an Noah zu rächen, zögert sie nicht: Sie schreibt einen Artikel für die Collegezeitung, wie man einen Herzensbrecher bekehrt – und Noah ist ihr Testobjekt. Allerdings hat sie diese Rechnung ohne ihre sorgfältig verdrängten Gefühle gemacht … [Klappentext]

Meine Meinung:

„Fly & Forget“ ist eine schöne, romantische Geschichte für Zwischendurch, die mich vor allem mit ihren greifbaren Charakteren überzeugen konnte. Obwohl sich die Handlung eher ruhig und etwas vorhersehbar entwickelt, konnte mich Nena Tramountanis gefühlvoller und einnehmender Schreibstil für sich gewinnen. Protagonistin Liv hat gerade zu Beginn mit einigen Schicksalsschlägen zu kämpfen, die schließlich dazu führen, dass sie ausgerechnet in der WG ihres ehemaligen besten Freundes Noah landet. Das ganze Gefühlschaos, das damit einher geht, konnte sofort meine Neugier wecken. An Livs und Noahs Beziehung gefällt mir vor allem, dass beide sich ihren Gefühlen bewusst sind und sich trauen, Probleme offen anzusprechen. Da die Geschichte aus der Ich-Perspektive der beiden erzählt wird, ist es leicht sich in sie hineinzuversetzen. Rückblicke in ihre gemeinsame Vergangenheit bringen zudem die Tiefe ihrer Beziehung glaubhaft rüber. Ich hatte dadurch nie das Gefühl, dass sich etwas zu schnell entwickelt. Stattdessen konnte ich gut verstehen, dass sie lieber das Risiko eingehen, ihre emotionalen Wunden zu überwinden, als sich erneut zu verlieren. Auch wenn sich schon früh zeigt, was das Ereignis ist, das die beiden auseinander gebracht hat, bleibt es spannend zu verfolgen, wie die genauen Details nach und nach aufgedeckt werden. 

Leider hat mir aber gerade der Umgang mit emotionalen Themen nicht immer gefallen. Dass Noahs Aufreißer Image nur Fassade ist, war abzusehen, aber mir ist es einfach zu klischeehaft und zu platt konstruiert, dass wieder einmal ein Trauma mit bedeutungslosem Sex verdrängt werden muss. Schließlich hätte ich auch gerne auf das unnötige Drama mit Livs Artikel verzichtet, denn die beiden hätten auch problemlos ohne ihn ihre zweite Chance bekommen können. Wahrscheinlich war „problemlos“ gerade das, was Tramountani vermeiden wollte. Für mich hat sie damit aber nicht die gewünscht Wirkung erzielt.  Als die Bombe gegen Ende platzt, habe ich das Buch erstmal für ein paar Wochen aus der Hand gelegt, weil ich den Konflikt und seine Lösung nicht spannend, sondern absolut vorhersehbar finde. Daher kann ich das Buch auch nur eingeschränkt empfehlen.

Was mir an Fly & Forget aber wirklich gefallen hat, war das liebevolle und witzige Zusammenleben in der WG. Gerade Matildas Verhalten hat mir immer wieder Rätsel aufgegeben und mich schon neugierig auf den Folgeband „Try & Trust“ gemacht. Ich werde den anderen Teilen der Soho Love Reihe daher trotzdem eine Chance geben. 

3/5

Burke, Vinachia – Rauer Glanz. Die Gebrochenen Herrschaften [Rezension]

Rezensionsexemplar

Buchdetails

Ersterscheinung: 21. September 2021 | Genre: Historische Fantasy | Seiten: 600 | Einband: Taschenbuch | Preis: 16,99 € |

Inhalt

Die Wahrheit ist immer eine andere. Es kommt darauf an, wen ihr fragt beziehungsweise wer die Geschichte erzählt. Ich frage Euch, warum kommt ihr zu mir? Warum wollt Ihr meine Wahrheit hören? Ich bin mir sicher, dass Euch bereits etliche Wahrheiten angeboten wurden.

Vinachia Burke

Nach den tragischen Ereignissen in Maulion erscheint Ronlands Zukunft ungewisser denn je. Nicht alle Parteien spielen mit offenen Karten und die Grenze zwischen Freund und Feind verschwimmen zunehmend. Wem geht es um Frieden und Stabilität und wer hat es in den Wirren des Machtvakuums auf das größte Stück vom Kuchen abgesehen? Von den Geschehnissen der letzten Monate aus ihrem alten Leben katapultiert, sind Gerard, Moran, Phoebe, Albert, Ris und Varlow dazu bestimmt, erneut aufeinanderzutreffen. Doch wer wird dieses Mal die Fäden in der Hand halten?

Meine Meinung

An Vinachia Burkes Debütroman „Rauer Glanz. Schatten der Vorgänger“, haben mich vor allem ihre komplex ausgearbeiteten Charaktere beeindruckt, die mit ihren Stärken und Schwächen ehrlich und authentisch wirken. Nach dem nervenaufreibenden Finale, das die Karten in Ronland und Matrienna in vielerlei Hinsicht neu gemischt hat, war ich daher umso gespannter auf ihre weitere Entwicklung im Folgeband. „Die gebrochenen Herrschaften“ haben meine hohen Erwartungen in dieser Hinsicht definitiv nicht enttäuscht, denn die neuen Facetten, die die Charaktere von sich zeigen, haben sie mir noch mehr ans Herz wachsen lassen.

Dadurch, dass die Charaktere am Anfang von Band 2 vor einer ungewissen Zukunft stehen und erst einmal selbst herausfinden müssen, wie es für sie weitergehen soll, konnte ich lange nicht absehen, wohin sich die Reise entwickeln wird. Die Handlung zieht sich dadurch zunächst leider etwas, auch wenn neue Charaktere und Konflikte eingeführt werden. Geduld wird aber belohnt, denn spätestens ab der Hälfte haben mich die unterschiedlichen Handlungsstränge wieder voll in ihren Bann gezogen. Mit neuen Bündnissen, die ich mir nach dem Ende von Band 1 gewünscht hatte, und vielen überraschenden Offenbarungen konnte mich die Fortsetzung sogar noch mehr als der Auftaktband überzeugen. Ein besonderes Lob gilt auch Vinachias beeindruckend wortgewandtem und bildhaften Schreibstil, der sich seit Band sogar noch steigern konnte. Besonders gefallen haben mir die Schlagabtausche zwischen den Personen, die mich häufig zum Lachen gebracht habe.

Ein Großteil der Handlung spielt diesmal Matrienna, sodass man auch die Strukturen dieses Reiches besser kennenlernen kann. Da sowohl Varlow selbst als auch die inneren Konflikte in ihrem Land zunehmend außer Kontrolle geraten, ist es spannend allmählich die einzelnen Interessengruppen kennenzulernen. Aber auch in Ronland bleibt es weiterhin interessant, denn sein neuer, ebenso intelligent wie verschlossener König ist nur schwer zu durchschauen.

Wer den Fokus auf das Innenleben der Charaktere, die sich zuspitzenden Konflikte und Machtspiele auch schon in Band 1 geschätzt hat, wird von der Fortsetzung definitiv nicht enttäuscht werden!

4/5

Martin, Annika – Most Wanted Boss [Rezension]

Rezensionsexemplar

Buchdetails

Ersterscheinung: 01.07.2021 | Verlag: LYX | Genre: Liebesroman | Seiten: 463 (Printausgabe) | Format: eBook | Preis: 6,99€ | Weitere Bände der Reihe: Most Wanted Bastard , Most Wanted Billionaire, Most Wanted CEO , Most Wanted Bachelor, Most Wanted Enemy [01.02.2022] |

Inhalt

Briefträgerin Noelle ist bereit alles zu geben, um den neuen Eigentümer ihres Wohnhauses von seinen Abrissplänen abzuhalten. Doch als sie mit einer persönlichen Zustellung per Einschreiben versucht, sich ein paar Minuten Blackbergs Zeit zu erschleichen, ahnt sie nicht, für seine gerichtlich verordnete Trainerin in emotionaler Intelligenz gehalten zu werden. Eine Verwechslung, die sich als einmalige Chance erweist, den eiskalten CEO doch noch vom ideellen Wert des Gebäudes für seine Bewohner zu überzeugen.

Meine Meinung

Most Wanted Boss ist ein kleines Highlight für Fans der Reihe, die die Bewohner der 45. Straße West 341 bereits ins Herz geschlossen haben. Ein Großteil von Noelles improvisiertem Training in emotionaler Intelligenz besteht nämlich darin, Malcom ein Video zu zeigen, das Erinnerungen an die vorherigen Teile weckt oder neue Einblicke vom Zusammenleben der Bewohner ermöglicht. Auch wenn es dadurch sicherlich mehr Spaß macht, wenn man Vicky, Lizzie, Mia, Tabitha und Co. bereits kennt, kann die Geschichte auch unabhängig von den anderen „Most Wanted“ Büchern gelesen werden.

An Noelles und Malcoms Geschichte konnte mich vor allem wieder Martins ausgezeichneter Humor überzeugen. Mit jeder Menge Situationskomik und witzigen Schlagabtauschen entwickelt sich die Beziehung der beiden gefühlvoll, leidenschaftlich und authentisch. Obwohl die ganze Verwechslungsgeschichte, die im Mittelpunkt der Handlung steht, erstmal nichts großartig Neues verspricht, ist es schwer das Buch wieder aus der Hand zu legen. Annika Martin ist es nämlich gelungen, sie so glaubhaft einzubetten, dass man nicht daran zweifelt, dass Noelle mit ihrem wahnwitzigen Plan tatsächlich davonkommen könnte. Dazu tragen auch die Perspektivwechsel bei, die einen guten Eindruck davon ermöglichen, wie die beiden Protagonisten sich gegenseitig und die unangenehmen Situationen, die die Verwechslung mit sich bringt, wahrnehmen.

Wohingegen Noelle hin und her gerissen ist zwischen dem Wunsch, ihr Haus zu retten, und den Schuldgefühlen, Malcom dafür etwas vorspielen zu müssen, zeigt Malcoms Gefühlswelt erstmal vor allem, dass er das Training bitter nötig hat. Seine unmögliche, ablehnende Art wirkt so extrem, dass es schon wieder komisch ist. Mir hat gefallen, dass seine Entwicklung langsam und nachvollziehbar geschieht – so fängt er zunächst aus egoistischen Motiven an, sich für das Training zu interessieren, bevor Noelles herzensgutes Wesen überhaupt eine Chance hat, zu ihm durchzudringen. 

Dennoch muss ich sagen, dass ihre Geschichte nicht zu meinen liebsten der Reihe gehört. Mich hat gestört, dass Noelle das Klischee einer liebenswürdigen, naiven grauen Maus, die das Herz eines skrupellosen Milliardärs erwärmt, auf voller Linie erfüllt. Es gab immer wieder Situationen, in denen ich die Augen verdreht habe, weil ich Noelle endlich Rückgrat gewünscht hätte. Ich habe nicht verstanden, warum sie lieber hungert und Malcom damit Gelegenheit gibt den Retter zu spielen, bevor sie sich einfach ein wenig Geld von ihren Freunden leiht. Fast noch mehr hat mich aber der letzte Weg zum Happy End genervt, für das meiner Meinung nach von ihr keine Initiative mehr hätte ausgehen dürfen. Außerdem gibt es auch einige sprachliche und logische Fehler, die mich beim Lesen stark gestört haben.

Alles in allem erfüllt aber auch der fünfte Teil der Most-Wanted-Reihe genau das, was er verspricht: Eine fesselnde, humorvolle Liebesgeschichte für Zwischendurch, mit der man für ein paar Stunden gut unterhalten abschalten kann. 

3/5

Bernard, C. E. – Das Flüstern des Zwielichts [Rezension]

Rezensionsexemplar

Buchdetails

Ersterscheinung: 19.07.2021 | Verlag: Penhaligon | Genre: Fantasy | Seiten: 416 | Einband: Paperback | Preis: 15,00 € | Weitere Bände der Wayfarer Saga: Das Lied der Nacht, Der Klang des Feuers |

Inhalt

„Eine Karte zeigt die Welt nicht so, wie sie in Wahrheit ist. Sie zeigt sie lediglich so, wie wir sie für uns entdeckt haben. Und die alten Lieder sind immer wahr, jedes auf seine eigene Art.“

C. E. Bernard

Während der Wanderer Weyd und seine Gefährten zu den sagenumwobenen Türmen des Lichts aufbrechen, gelangt Lurin der eiserne Baron und seine Armee plündernd und mordend an die Tore der Blauen Stadt Briva. Doch mit der sich verbreitenden Furcht zieht eine weitaus größere Bedrohung durch Erebu – ein fahler Reiter, der das Lied vom Tod auf den Lippen trägt.

Meine Meinung

Auch im zweiten Teil ihrer Wayfarer-Saga ist es C.E. Bernard wieder gelungen, mich bereits nach wenigen Seiten mit ihrem einzigartigen und atmosphärischem Schreibstil gefangen zu nehmen. Als wandle man durch das Zwielicht, ist es für den Leser und auch für die Protagonisten schwer, die Umrisse des weiteren Weges zu erkennen. Die Furcht vor dem Unbekannten und der Einsamkeit wird auf vielschichtige Weise thematisiert und sprachlich transportiert. Gerade diese tiefen und nachvollziehbaren Einblicke in das Innenleben der Charaktere und die neuen finsteren und mystischen Schauplätze schaffen beklemmende Gefühle. So lässt das Buch häufig den Puls hochschnellen, auch wenn diesmal weniger explizit Gewalt geschildert wird. Der Nervenkitzel liegt vielmehr in der Ungewissheit darüber, was passieren könnte. 

Genau wie im ersten Band konnte mich vor allem der Zusammenhalt grundverschiedener Menschen und Tiere begeistern, der auf ihren gemeinsamen Werten und der bedingungslosen Liebe zueinander beruht. Gerade Caer, die mit ihrer Stimme, das verloren zu haben glaubt, was sie ausmacht, und Weyd, der weiterhin hin und her gerissen ist, zwischen der Angst vor dem Alleinsein und den Schuldgefühlen, seine Freunde mitzunehmen, wachsen über sich hinaus. Besonders gefreut habe ich mich aber darüber, den unsterblichen Heiler Ealdre besser kennen zu lernen, der mit seiner schwermütigen Art viele spannende Fragen aufwirft. Die anderen Mitglieder der Schar bleiben demgegenüber zu blass, sind aber nach wie vor eine große Bereicherung zur Geschichte. Auch die Blickwechsel zu den Charakteren in der Blauen Stadt Briva und der Eisernen Armee haben mir gut gefallen, weil sie interessante neue Perspektiven eröffnen.

Obwohl die Handlung nicht so rasant voranschreitet, wie ich es erwartet hätte, kommt es immer wieder zu ereignisreichen oder mehrdeutigen Begegnungen, die meine Neugierde konstant halten konnten. Mich hat nur etwas enttäuscht, das entscheidende Offenbarungen und Twists gegen Ende vorhersehbar waren. Nichtsdestotrotz ist auch „Das Flüstern des Zwielichts“ wieder eine einzigartige Reise, die mich mit atmosphärischer Sprache und bedeutsamen Themen nachdenklich und tief berührt zurückgelassen hat.  

4/5

Hiemer, Kristina – The Second Princess. Vulkanherz [Rezension]

Rezensionsexemplar

Buchdetails

Ersterscheinung: 18.03.2021 | Verlag: Carlsen | Genre: Romantasy | Seiten: 416 | Einband: Paperback | Preis: 15,00€ |

Inhalt

„Gefühle sind unberechenbare kleine Biester“

Christina Hiemer

Die Herrschaft über St. Lucien ist seit Jahrhunderten zweigeteilt, auch wenn die Bevölkerung nur mitbekommt, wie der ältesten Tochter die Krone überreicht wird. Denn das idyllische Leben auf der karibischen Insel wird von düstereren Geheimnissen bedroht, die nur die zweitältesten Töchter der Bell-Dynastie zu hüten wissen. Doch als eine neue Königin gewählt werden soll, ist es ausgerechnet die dritte Tochter, die vollkommen unvorbereitet dem dunklen Erbe ihrer Schwester gerecht werden muss.

Meine Meinung

Der Einstieg in die Geschichte ist mir durch Christina Hiemers zugänglichen und packenden Schreibstil leichtgefallen. Nach einer kurzen Einführung in das Setting befindet man sich schon mitten im Geschehen und erlebt den Palastalltag aus der Ich-Perspektive der Protagonistin Saphina. Schnell wird bewusst, dass die Königinnenfamilie nur nach außen hin perfekt wirkt, auch wenn die Königin und ihre älteste Tochter Livia alles geben, um den Schein zu wahren. Ein Verhalten, das sie selbst nach Maylins mysteriösen Tod nicht ablegen können, und sie dazu treibt, Saphina ausgerechnet von Maylins Ex-Freund auf ihre neue Aufgabe vorbereiten zu lassen. Saphinas Misstrauen und ihre Trauer sind daher vollkommen verständlich und erklären ihr impulsives Verhalten in gewisser Weise. Leider konnte ich mich dennoch nicht mit ihr anfreunden, weil sie sich in Unverschämtheit, Naivität und Egoismus immer wieder selbst übertrifft. Dass sie gegen Ende als Mensch mit „reinem Herzen“ verkauft wird, konnte ich angesichts ihrer Entscheidungen gar nicht verstehen.

Obwohl die Geheimnisse zunächst Interesse wecken, habe ich leider schnell gemerkt, dass mir die Handlung zu konstruiert und unlogisch vorkommt. Saphinas ganzes Training für ihre Krönung zur schwarzen Königin wäre vollkommen unnötig gewesen, wenn sie nicht selbst dafür gesorgt hätte, dass die Dämonen zur Bedrohung für die gesamte Insel werden können– lässt man mal außen vor, dass ein wenig Kampfkunst gegen Dämonen sowieso wenig bringen sollte.

Die Kombination von prunkvollen Anwesen, tiefen Urwäldern und dämonischen Vulkanlandschaften hat mir auf den ersten Blick super gefallen, wurde leider aber nicht bildhaft genug beschrieben, dass man die unterschiedlichen Atmosphären zu spüren bekommt.  Ebenso wenig kommen leider die Gefühle für Dante rüber. Grundsätzlich finde ich es gut, wenn sich Beziehungen auf einem Abenteuer langsam entwickeln, aber der Übergang von Misstrauen zu Liebe wird hier gar nicht rübergebracht. Die anderen Charaktere bleiben leider viel zu blass, um Neugier zu wecken.

Der für mich ausschlaggebendste Kritikpunkt ist aber die Romantisierung der englischen Kolonialgeschichte, die hier betrieben wird. Die Regentschaft der Nachkommen einer englischen Eroberin über eine karibische Insel wird einfach mit einer gehörigen Portion Fantasy versüßt. Schattenseiten der Kolonialvergangenheit werden zwar auf der ersten Seite angesprochen, aber die Herrschaft im Folgenden nicht mehr in Frage gestellt. Wenn Königin Aramea den Einheimischen ihre Religion gelassen hat, gibt’s doch auch gar nichts zu kritisieren, oder? Noch problematischer ist mir allerdings der Umgang mit der einheimischen Bevölkerung aufgefallen. Es hat mich geschockt, dass der Stamm und ihre Kultur nur aufgegriffen werden, weil sie die passenden Informationen über das Übernatürliche liefern und gleichzeitig auch noch ein leichtes Opfer für das Wohl der Allgemeinheit darstellen. Ich kann nicht verstehen, wie man so etwas heutzutage noch schreiben kann.

Für mich war The Second Princess auf den ersten Blick ein unterhaltsamer Fantasyroman für Zwischendurch, der mal etwas anderes verspricht. Leider hat mich bei der Umsetzung zu viel gestört, um ihn empfehlen zu können.

2/5

Pool, Katy Rose – The Age of Darkness. Schatten über Behesda [Rezension]

Rezensionsexemplar

Buchdetails

Erscheinungsdatum: 19.04.2021 | Verlag: Cbj | Genre: Fantasy | Seiten: 576 | Einband: Hardcover | Preis: 20,00 € | Weitere Bände der Reihe: The Age of Darkness. Feuer über Nasira; The Age of Darkness. Das Ende der Welt|

Inhalt

„Was auch immer ich sehe, wird geschehen. So funktioniert das doch, falls ich wirklich der Prophet bin, oder? Prophezeiungen erfüllen sich immer. Etwas ist im Anmarsch und wir können gar nichts tun, um es aufzuhalten.“

Katy Rose Pool

Auch nach der Entdeckung des letzten Propheten ist das Schicksal der Welt noch nicht entschieden. Anstatt einer Möglichkeit das Zeitalter der Dunkelheit aufzuhalten, sieht Anton nichts als Dunkelheit und Zerstörung. Gemeinsam mit Jude begibt er sich auf die Suche nach der Höchsten Klinge, auf der sich ihnen der Zusammenhang zwischen den Quellen der vier Gaben und Antons Aufgabe erschließt. Auch Hassans Ziel, seinen Thron zurückzuerobern, und Ehyras Versuch, ihre Schwester Beru zu retten, führen sie jeweils zu einer der vier Reliquien, die die fünf in der Prophezeiung genannten Personen in der Stadt der Gnade wieder zusammenführen werden.

Meine Meinung

Obwohl mich die Einführung der fünf Protagonisten in Band 1 schon überzeugen konnte, hat mich ihre menschliche und nachvollziehbare Entwicklung in Band 2 noch mehr abgeholt. Selbst wenn die Grenzen zwischen Gut und Schlecht verschwimmen, wird es durch tiefe Einblicke in ihre Gedanken und Gefühle einfach, Empathie zu ihnen aufzubauen. Insbesondere die Kämpfe, die die Charaktere mit sich selbst ausfechten müssen, machen sie authentisch und greifbar. Dass sich nicht grundsätzlich Maßstäbe für moralisch richtige und falsche Handlungen bestimmen lassen, hat sich mir dabei in jedem Handlungsstrang auf unterschiedliche Weise gezeigt. So werden beispielsweise die Fragen, ob alle Mittel recht sind, um die eigene Überzeugung durchzusetzen, ob altruistische Handlungen auch dann vorzuziehen sind, wenn die eigenen Interessen dafür geopfert werden müssen, sowie ob wir von unseren vermeintlich falschen Entscheidungen bestimmt werden, aufgeworfen. Mir hat die Verstrickung der Charaktere untereinander wieder einmal besonders gefallen. Es ist spannend, wie sich neue und alte Bündnisse entwickeln und alle, trotz ihrer grundverschiedenen Ziele, schließlich wieder zusammenführen. 

Leider haben mir auch in diesem Band die actionreichen Szenen nicht gefallen, weil sie sowohl taktisch unlogisch eingeleitet als auch unglaubwürdig beschrieben werden. Das ist gerade am Ende störend, wo man von einer genialen Offenbarung nach der nächsten überrascht wird. Sie haben mich mehr aus der Handlung herausgerissen als zur Spannung beigetragen.  Obwohl man auch im Hinblick auf das Worldbuilding auf so viele Fragen – nach den Identitäten und den Zielen des Hierophanten und des Nekromantenkönigs, den Reliquien, sowie dem Verschwinden und Wirken der Propheten – Antworten bekommt, lässt das Ende weiterhin alles offen. Nach wie vor bleibt ungewiss, ob das prophezeite Zeitalter der Dunkelheit ein unausweichliches Ergebnis ist oder die Charaktere sich selbst und ihr Ende ändern können. Ich bin sehr gespannt auf den letzten Teil der Trilogie. 

4/5

Siskind, Kelly – Stealing Your Heart [Rezension]

Rezensionsexemplar

Buchdetails

Ersterscheinung: 01.04.2021 | Verlag: Piper | Genre: Liebesroman | Seiten: 416 | Einband: Paperback | Preis: 12,99 € |

Inhalt

Von den Reichen stehlen und es den Armen geben? Was sich stark nach den Abenteuern von Robin Hood anhört, ist für Clementine Alltagsgeschäft. Als sie ihr neuster Coup zum Elvis-Presley-Festival in die Kleinstadt Witchway führt, ahnt sie jedoch nicht, dass der verwöhnte Schnösel, den sie berauben will, genauso hinter ihr, wie sie hinter seinem van Gogh her ist. Sich in Jacks Leben einzuschleichen, ist daher kein Problem – ihr Herz immer mehr an seine liebenswerte, schüchterne Art zu verlieren, aber schon…

Meine Meinung

Kelly Siskind hat einen einfachen und sehr zugänglichen Schreibstil, der es leicht macht, in die Geschichte hineinzufinden. Eine Protagonistin, die das Robin-Hood-Prinzip auslebt, ist wirklich mal etwas anderes und konnte damit sofort meine Neugierde wecken. Mir hat gut gefallen, dass diese umstrittene Vorstellung von Gerechtigkeit (zumindest zunächst) nicht einseitig thematisiert wird. Clementine hat ihren wohltätigen Diebstählen ihr ganzes Leben gewidmet, was für sie auch große persönliche Einschränkungen bedeutet. Um nicht aufzufliegen, beschränkt sie Kontakte zu anderen Menschen auf Oberflächlichkeit oder Lügen. Ihre einzige Bezugsperson ist ihr Ziehvater und Mentor Lucien, deren Pläne sie ohne jegliche Zweifel ausführt, auch wenn sie mit ihrem Leben schon lange nicht mehr glücklich ist. Als Leser bekommt man einen guten Einblick davon, wie es sich auf sie auswirkt, dass sie ihre eigenen Wünsche und Träume stets zurückstellen muss. 

Ziemlich schnell zeigt sich leider, dass Clementine dem Bild einer Meisterdiebin, das von ihr gezeichnet wird, nicht gerecht wird. Anstelle genialer, unvorhersehbarer Pläne bekommt man eine Protagonistin, die sich von dem nächstbesten attraktiven Mann, dem sie auf ihrer Fahrt nach Witchway begegnet, vollkommen aus der Fassung bringen lässt. Unnötig zu erwähnen, dass es sich hierbei gleich um die Zielperson handelt und der Diebstahl damit schon von vornherein nicht mehr reibungslos über die Bühne gehen kann. Ihre Naivität und kopflosen Handlungen passen einfach nicht zu dem Leben, das sie bis dahin geführt haben soll. 

Jack hat mir von den beiden noch am besten gefallen. Seine liebenswerte, ehrliche Art und Unfähigkeit, mit Frauen zu kommunizieren, haben ihn mir schnell sympathisch werden lassen. Damit widerspricht er grundsätzlich dem typischen Bild eines erfolgreichen Unternehmers, den viele andere Liebesromane zeichnen. Wirklich überzeugen konnte mich der Umgang mit Klischees aber auch hier nicht, weil einfach andere Tropes bedient werden. Die unabhängige Diebin schraubt gerne an Autos und der liebevolle Ingenieur überwindet seine Schüchternheit durch Auftritte als Evis Tribute Künstler (für mich ein absoluter Romantik-Killer). Nichtsdestotrotz macht es Spaß zu verfolgen, wie sich die Beziehung der entwickelt. Auch wenn alles zu schnell geht, ist es süß, wie Jack Clementine immer mehr von sich anbietet, um sie langsam aus sich herauszulocken. Als er dann aber auch noch seine Dominanz im Schlafzimmer unter Beweis stellen muss, ist es mit seiner Glaubwürdigkeit endgültig dahin. Die Leidenschaft zwischen ihm und Clementine konnte mich damit auch nicht mehr abholen. 

Siskind wartet zwar mit einer Menge einzigartiger Themen auf, wie Clementines und Jacks nerdige Vorliebe für Bartagamen, aber fesseln konnte mich die Geschichte nicht wirklich. Dafür war es mir einfach von allem eine Spur zu viel. Leider bleibt die Handlung auch durchgehend vorhersehbar. Die einzige, aber definitiv nicht positive Überraschung war für mich, dass das ganze Elvis Thema so eine dominante Rolle einnimmt, weil es durch den Klappentext und die Leseprobe nicht abzusehen war. Die ganzen Informationen rund um das Elvis Festival haben mich zunehmend genervt. Die Szenen, die wohl humorvoll gedacht sind, waren mir eher unangenehm, sodass ich von dem Komödienteil nichts mitbekommen habe. Die größte Enttäuschung wartet aber erst das Ende, an dem sich gleich das nächste Klischee erfüllt. Ich finde es schade, dass Clementines Zwiespalt zwischen dem Zweck und den Mitteln ihrer wohltätigen Spenden damit durch klare Schwarz-Weiß-Malerei aufgelöst wird. Alles in allem hat Stealing Your Heart einfach nicht meinen Geschmack getroffen. Ich habe mir in vielerlei Hinsicht etwas anderes erwartet.

2/5

Müller-Braun, Dana – The Run. Die Prüfung der Götter [Rezension]

Rezensionsexemplar

Buchdetails

Ersterscheinung: 18.03.2021 | Verlag: Carlsen | Genre: Romantasy | Seiten: 400 | Einband: Paperback | Preis: 15,00€ |

Inhalt

„Ich weiß, dass es ein Fehler ist und ich mich zurückhalten sollte. Aber ich kann nicht. Und ich will nicht. Denn wenn jeder Mensch schweigt, dann wird nie auch nur irgendjemand seine Stimme erheben und die Schwachen werden auf ewig unterdrückt sein.“

Dana Müller-Braun

Um ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu werden, die verhüllenden Gewänder eines Phantoms ablegen zu können und sich ihren Namen zu verdienen, muss sich Sari wie alle Achtzehnjährigen in den Prüfungen ihrer Götter beweisen. Dabei fürchtet sie den lebensbedrohlichen Lauf durch die vier Königreiche nicht um ihretwillen, sondern weil sie ihren kleinen Bruder zurücklassen muss. Als die Opfer, die Jarusch Schutz jahrelang verlangten, auch noch zur zusätzlichen Belastung bei den Prüfungen werden, ist Sari erstmals selbst darauf angewiesen, Hilfe annehmen zu müssen – auch wenn es noch ein zusätzliches Risiko bedeutet, einem Mann zu vertrauen, dessen Loyalität nicht ihr gehört…

Meine Meinung

„The Run“ hat mir einige spannende, intensive Lesestunden beschert, konnte mich leider aber nicht voll überzeugen. Die Handlung wird überwiegend aus der Ich-Perspektive einer jungen Frau erzählt, die unter einem repressiven Regime leidet und sich zum Schutz ihres Bruders selbst aufgegeben hat. Sari ist eine taffe, wenn auch gebrochene Protagonistin, die auf ihrer Reise nicht nur ums Überleben, sondern auch mit ihrer Selbstfindung kämpft. Ihre tiefe Beziehung zu ihrem Bruder und die zahlreichen psychischen und physischen Belastungen, mit denen sie konfrontiert wird, haben mich sehr berührt. Es ist spannend zu verfolgen, wie sie über sich hinauswächst und sich ihre Werte auch unter großen Opfern beibehält. 

Es zeigt sich schon früh, dass die Welt, die Dana Müller-Braun geschaffen hat, zwar brutal und ungerecht, aber auch ebenso spannend und vielseitig ist. Vier Reiche und unterschiedliche Kulturen vereint eine gemeinsame Schöpfungsgeschichte und Religion, die den Teilnehmern von The Run sogar körperlich erfahrbar wird. In interessanten Prüfungen beweisen sie sich den Grundwerten und magischen Fähigkeiten ihrer Gottheiten. Da die Phantome selbst nicht wissen, was es mit The Run überhaupt auf sich hat, bleibt es für den Leser interessant und undurchschaubar, wohin sich das Ganze entwickeln wird. Am Ende wartet ein actionreicher Showdown, den ich zu Anfang nie erwartet hätte.

Das Erzähltempo lässt sich eigentlich am treffendsten mit dem Buchtitel beschreiben. Als Leser wird man durch die unterschiedlichsten Orte gejagt, erlebt eine actionreiche Scene nach der nächsten, begegnet den phantastischsten Wesen und magischen Fähigkeiten, kann sich durch das überhastete Tempo aber nicht vollkommen auf die Welt einlassen. Ich hätte mir insgesamt weniger neuen Input, dafür mehr Tiefgang gewünscht. Einige Aspekte der Handlung oder des Wordbuildings wirkten für mich nicht rund oder zu nichtsagend behandelt. Viele Informationen werfen Fragen auf, für die man bis zum Ende keine Antwort erhält. Das Setting wird darüber hinaus nur selten bildhaft dargestellt. 

Wirklich gestört hat mich aber vor allem die Liebesgeschichte. Diese konnte mich leider gar nicht abholen, was vor allem Keerans unangebrachtem Verhalten geschuldet ist. Die Anziehung zwischen ihm und Sari drückt sich eigentlich nur darin aus, dass er sie in den unpassendsten Momenten berührt oder küsst. In Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Strukturen, dem ungleichen Machtverhältnis zwischen den beiden und den widersprüchlichen Signalen, die er sendet, wirkte das für mich eher übergriffig als romantisch oder leidenschaftlich – auch wenn Sari das anders empfindet. Das einzige Positive, das ich ihm abgewinnen konnte, ist, dass sein irritierendes Verhalten zwischen Annäherung und Distanz, Beistand und Verrat, neugierig auf eine Erklärung macht. Diese bekommt man zwar auch, die Gefühle der beiden werden dadurch aber dennoch nicht greifbar. Die Nebencharaktere lernt man leider zu wenig und einseitig kennen, als dass ich eine Beziehung zu ihnen aufbauen konnte.

Insgesamt ist „The Run“ ist ein Buch mit verschiedenen, interessanten Facetten, die grundsätzlich mehr Tiefgang verdient hätten. Die grundlegenden Ideen überzeugen, in der Umsetzung lässt sich das Potential aber auf 400 Seiten nicht ausschöpfen. Ich hatte leider häufig das Gefühl, dass lediglich an der Oberfläche gekratzt wird.

3/5

Haderer, Katharina V. – Blue Scales. Die Drachen von Talanis [Rezension]

Rezensionsexemplar

Buchdetails

Ersterscheinung: 23.11.2015 | Verlag: Drachenmond | Genre: Fantasy | Seiten: 296 | Einband: Taschenbuch | Preis: 14,90€ | Weitere Bände der „Die Drachen von Talanis“-Reihe: Green Scales, Red Scales |

Inhalt

„Schwarze Schatten gleiten durch die Nach, gelbe Augen leuchten wie die Verdoppelung des Himmelsgestirns auf. Egal wohin ich gehe – Augen. Sie schließen sich, ich stehe in der Finsternis.“

Katharina V. Harderer

Als außereheliches Kind hat es Christie in der Familie ihres Ziehvaters nicht leicht. Die Songs sind eine der sechs Familien der Hexade, die sich die Stadt Poschovar in Einflussbereiche aufteilt. Großmutter Pheng Song kontrolliert das Arbeiterviertel mit einem ebenso festen Griff wie ihre Verwandten. Wohingegen sie in Christies Schwester Lin und ihrem Cousin Zhan die Zukunft der Familie sieht, ist Christie für sie nicht mehr als der Fehler ihrer Mutter. Doch mit dem Erscheinen eines Rudels wölfischer Gestaltwandler in Poschovar, hängt es plötzlich von Christie ab, ob die Songs ihre Position in der Hexade behaupten können. 

Meine Meinung

Dank Katharina Haderers einnehmendem und flüssigem Schreibstil ist es mir leichtgefallen, in die Geschichte einzutauchen. Die Ausgangslage und die vielen offenen Fragen haben sofort mein Interesse geweckt und mich nur so durch die Seiten fliegen lassen. Die Handlung wird aus der gegenwärtigen Perspektive der Protagonistin Christie erzählt, die dem Leser einen sehr direkten und humorvollen Einblick in ihre Gedanken gewährt. Mir hat gut gefallen, dass nicht die klassische, unfehlbare Heldin ist. Christie verhält sich nicht immer korrekt, geht aber sehr reflektiert mit ihren Fehlern um, was sie sehr sympathisch und authentisch macht. Da man schon früh von ihrer schwierigen Position innerhalb ihrer Familie erfährt, konnte ich ihre Entscheidungen und Gefühle stets nachvollziehen. Es wird an einigen Stellen emotional und gefühlvoll, auch wenn nur Christies Schwester Lin die typische Begegnung mit einem potentiellen Loveinterest auf den ersten Seiten hat. Ich habe eine Liebesgeschichte in diesem Buch wirklich nicht vermisst und fand es schön, wie in dieser Hinsicht mit Klischees gebrochen wird. Christies enge Beziehung zu ihrem Ziehvater Long, der nach einer vierzehnjährigen Gefangenschaft zurück in die Familie kehrt, hat mir besonders gut gefallen. Ihre Mutter und Schwester blieben mir demgegenüber zu blass. Auch Großmutter Song hat eine interessante Persönlichkeit, die ich gerne noch näher kennengelernt hätte. Vielleicht ist das aber auch etwas, das noch im Folgeband passieren wird. 

Die Welt die Katharina Haderer geschaffen hat, ist sehr zugänglich, da sie viele Parallelen zu unserer aufweist. Eine Besonderheit sind die verschiedenen Formen von Interens, Wesen mit magischen Begabungen oder ungewöhnlichen Köpermerkmalen, zu denen auch Gestaltwanderer zählen. In Christies Familie begegnen dem Leser gleich zu Anfang zwei Arten von Interens, Nekromanten und Drachenwandler, später innerhalb der Hexade noch einige mehr. Christie hat selbst damit zu kämpfen, dass sich auf ihrem Körper immer mehr Schuppen bilden, die ihre Abstammung von einem Drachenwandler offensichtlich machen. Eine große Belastung, die sie vor ihrer Familie geheim hält, und den Leser noch neugieriger auf ihren leiblichen Vater werden lässt. 

Die Machtstrukturen in Poschovar erinnern mit den unterschiedlichen Familienoberhäuptern ein wenig an die Mafia. Die Positionen innerhalb der Hexade werden in blutigen Duellen ausgetragen, was für genug actionreiche Momente sorgt. Die Funktion als Iudex die Christie in dem ganzen einnimmt, hat nur leider keinen Mehrwert für die Handlung geschweige denn für die Hexade, was mich ein wenig gestört hat. Auch die Antagonisten, die wölfischen Gestaltwandler, konnten mich nicht von sich überzeugen. Obwohl sie zunächst spannend wirken, bedienen sie gegen Ende ein einseitiges Klischee nach dem nächsten. Nichtsdestotrotz ist „Blue Scales“ ein unterhaltsames Buch für Zwischendurch, das Lust auf die Folgebände macht. Auch wenn für mich zwei zentrale Offenbarungen schon früh absehbar waren, konnte ich an manchen Stellen überrascht werden und bleibe mit vielen offenen Fragen zurück. „Green Scales“ werde ich daher auf jeden Fall lesen!

3/5